Fußball auf Reisen entschuldigt sich - Michael Reichert im Interview
Nach mehreren öffentlich verbreiteten Vorwürfen gegen den Fußballkreis Oberhavel/Barnim, den Schiedsrichterausschuss und einzelne ehrenamtlich tätige Personen kam es am Dienstag (14.7.26) zu einem persönlichen Klärungsgespräch. Inzwischen hat sich „Fußball auf Reisen“ bei Jonas Marx und Tim Gerstenberg entschuldigt und erklärt, dass die erhobenen Vorwürfe vollständig, sauber und plausibel widerlegt werden konnten (wir berichteten).
In einem Interview ordnet der Vorsitzende des Fußballkreises Oberhavel/Barnim, Michael Reichert, die Geschehnisse ein.
Michael, „Fußball auf Reisen“ hat sich inzwischen öffentlich entschuldigt. Wie bewertest Du diesen Schritt?
"Zunächst einmal ist es richtig und notwendig, dass diese Entschuldigung erfolgt ist. Die ursprünglichen Veröffentlichungen haben Jonas Marx und Tim Gerstenberg, aber auch den gesamten Fußballkreis und den Schiedsrichterausschuss erheblich beschädigt.
In einem persönlichen Gespräch konnten sämtliche wesentlichen Vorwürfe vollständig aufgeklärt und widerlegt werden. Insofern war es zwingend erforderlich, dass dies anschließend auch öffentlich klargestellt wird.
Eine Entschuldigung kann die vergangenen Tage und die entstandenen persönlichen Belastungen nicht ungeschehen machen. Sie ist aber ein wichtiger Schritt, um diesen Konflikt zu beenden."
Du sprichst von einer erheblichen Beschädigung. Wie hast Du die ursprünglichen Veröffentlichungen wahrgenommen?
"In ihrer Gesamtheit hatten die Veröffentlichungen aus unserer Sicht den Charakter einer öffentlichen Hetzjagd.
Es wurden über mehrere Beiträge hinweg schwerwiegende Anschuldigungen erhoben: Machtmissbrauch, Einschüchterung, Vetternwirtschaft, die bewusste Behinderung journalistischer Arbeit und sogar ein angebliches Rassismusproblem innerhalb der Schiedsrichtergemeinschaft. Einzelne Personen wurden namentlich genannt und öffentlich an den Pranger gestellt.
Dabei wurden nicht lediglich Meinungen oder kritische Fragen formuliert. Es wurden Behauptungen als feststehende Tatsachen präsentiert, obwohl die zugrunde liegenden Sachverhalte vorher weder umfassend geprüft noch mit uns besprochen worden waren. Dadurch entstand in der Öffentlichkeit ein vollständig falsches Bild.
Solch eine ungerechtfertigte Berichterstattung macht ja auch was mit Menschen. Insbesondere die angesprochenen Jonas Marx und Tim Gerstenberg stehen am Beginn ihrer ehrenamtlichen Funktionärstätigkeit. Solche Beiträge tragen sicher nicht zur Gewinnung junger Menschen für das Ehrenamt bei. Im Übrigen auch nicht die gehässigen Kommentare einzelner User auf die ungerechtfertigten Vorwürfe."
Gehst Du davon aus, dass die Fakten bewusst falsch dargestellt wurden?
"Nach unserer Bewertung kann man bei mehreren Punkten nicht mehr nur von Missverständnissen oder einfachen Recherchefehlern sprechen.
Sachverhalte wurden verkürzt, Zusammenhänge wurden ausgelassen und einzelne Vorgänge wurden so zugespitzt, dass sie eine völlig andere Bedeutung erhielten. Teilweise wurden bewusst falsche Tatsachenbehauptungen verbreitet beziehungsweise Tatsachen so dargestellt, dass beim Leser zwangsläufig ein falscher Eindruck entstehen musste.
Das ist aus unserer Sicht keine faire Kritik mehr. Es ist auch keine verantwortungsvolle journalistische Berichterstattung. Teile der Veröffentlichungen haben wir als üble Nachrede und als gezielte persönliche Diffamierung wahrgenommen und auch zur Strafanzeige gebracht.
Besonders schwer wiegt, dass ehrenamtlich tätigen Menschen faktisch ein missbräuchliches und charakterlich verwerfliches Verhalten unterstellt wurde, ohne ihnen zuvor eine ernsthafte Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben."
„Fußball auf Reisen“ hatte erklärt, vor der Veröffentlichung eine Anfrage an den Fußballkreis gestellt zu haben. Warum blieb diese zunächst unbeantwortet?
"Die Darstellung, der Fußballkreis habe eine ordnungsgemäße Presseanfrage ignoriert oder den Dialog verweigert, war ebenfalls irreführend.
Die Anfrage wurde am Samstag, dem 4. Juli, per WhatsApp gestellt. Bereits am Montag, dem 6. Juli, wurden die Anschuldigungen veröffentlicht. Dazwischen lag ein Sonntag. Hinzu kam, dass wir uns mitten in der Ferien- und Urlaubszeit befanden und nicht alle für eine seriöse Beantwortung erforderlichen Personen kurzfristig erreichbar waren. Von einem ehrenamtlich geführten Fußballkreis zu erwarten, dass er innerhalb eines Wochenendes mehrere schwerwiegende Vorwürfe vollständig prüft und beantwortet, ist lebensfremd.
Es handelte sich zudem nicht um eine formelle Presseanfrage, die über die offizielle E-Mail-Adresse des Fußballkreises eingegangen wäre, sondern um WhatsApp-Nachrichten an einzelne Personen. Bei der Vielzahl und Schwere der darin enthaltenen Vorwürfe mussten zunächst Sachverhalte geprüft, Beteiligte angehört und Informationen zusammengetragen werden.
Dafür wurde uns praktisch keine angemessene Reaktionszeit eingeräumt."
Welchen Eindruck hast Du deshalb von der ursprünglichen Vorgehensweise?
"Für uns entstand der Eindruck, dass die Veröffentlichung bereits feststand und die Anfrage vor allem dazu dienen sollte, später behaupten zu können, man habe dem Fußballkreis Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben.
Eine Anfrage mit einer faktisch nicht erfüllbaren Reaktionsfrist ist keine ernsthafte Möglichkeit zur Stellungnahme. Sie darf nicht als Rechtfertigung dafür dienen, ungeprüfte Anschuldigungen zu veröffentlichen.
Wer derart gravierende Vorwürfe erhebt, muss besondere Sorgfalt walten lassen. Diese Sorgfalt war aus unserer Sicht vor der Veröffentlichung nicht gegeben.
Die spätere persönliche Aussprache hat vielmehr gezeigt, dass bei einer ordentlichen Kontaktaufnahme jederzeit Gesprächsbereitschaft bestand."
Wie verlief das Klärungsgespräch am Dienstag?
"Das Gespräch verlief offen, sachlich und respektvoll. Genau diese Form des direkten Austausches hätten wir uns bereits vor der Veröffentlichung gewünscht.
Wir konnten jeden einzelnen Vorwurf ansprechen, Hintergründe erläutern, Unterlagen einordnen und bestehende Missverständnisse aufklären. Paul Olschewski und ich haben dabei den Kreisvorstand vertreten, Jonas Marx und Tim Gerstenberg den Schiedsrichterausschuss.
Am Ende konnten die im Raum stehenden Vorwürfe vollständig, sauber und plausibel widerlegt werden. Das wird inzwischen auch von „Fußball auf Reisen“ ausdrücklich anerkannt."
Gab es dennoch Punkte, bei denen der Fußballkreis selbstkritisch sein muss?
"Selbstverständlich. Auch wir sind nicht fehlerfrei. In einzelnen Situationen hätte Kommunikation früher, klarer oder sensibler erfolgen können. Solche Punkte wurden offen angesprochen und werden intern ausgewertet.
Es besteht aber ein erheblicher Unterschied zwischen verbesserungsfähiger Kommunikation und den öffentlich erhobenen Vorwürfen des Machtmissbrauchs, der systematischen Einschüchterung, der Vetternwirtschaft oder der Duldung rassistischen Verhaltens.
Kleinere kommunikative Fehler rechtfertigen keine öffentliche Kampagne und keine persönliche Diffamierung."
Besonders schwerwiegend war der Vorwurf eines internen Rassismusproblems. Was sagst Du dazu?
"Dieser Vorwurf hat uns besonders getroffen, weil er nicht nur einzelne Personen, sondern die gesamte Schiedsrichtergemeinschaft diskreditiert hat.
Im Gespräch wurde eindeutig erläutert, wie der Fußballkreis mit entsprechenden Vorfällen umgeht. Gegen Rassismus wird bei uns konsequent und ohne Kompromisse vorgegangen. Hinweise werden geprüft, Vorfälle werden aufgearbeitet und notwendige Maßnahmen werden eingeleitet.
Aus einzelnen, teilweise unvollständig wiedergegebenen Vorgängen ein allgemeines Rassismusproblem im Fußballkreis zu konstruieren, war sachlich nicht gerechtfertigt. Dieser Vorwurf konnte im Gespräch eindeutig entkräftet werden."
Reicht Dir die öffentliche Entschuldigung aus?
"Die Entschuldigung ist wichtig. „Fußball auf Reisen“ hat ausdrücklich eingeräumt, dass die Berichterstattung Jonas Marx und Tim Gerstenberg massiv geschadet hat. Ebenso wurde bestätigt, dass die Vorwürfe widerlegt wurden und die entsprechenden Recherchestränge nicht weiterverfolgt werden.
Damit wird öffentlich anerkannt, dass die vorherigen Darstellungen nicht haltbar waren.
Natürlich bleiben die Veröffentlichungen und ihre Wirkung bestehen. Viele Menschen haben die Vorwürfe gelesen, und teilweise in sozialen Netzwerken in gehässiger Form uns gegenüber Meinungsmache betrieben. Möglicherweise haben aber nicht alle Leser die spätere Richtigstellung verfolgen können. So bleibt bei einigen sicher nicht der revidierte Eindruck. Persönliche Rufschädigung lässt sich nicht mit einem einzigen Beitrag vollständig zurücknehmen. Dennoch nehmen wir die Entschuldigung an, weil wir an einer Befriedung und nicht an einer dauerhaften Eskalation interessiert sind."
Bedeutet das, dass der Fußballkreis nun seinerseits öffentlich zurückschlagen wird?
"Nein. Wir wollen keinen öffentlichen Kleinkrieg und keine weitere Eskalation.
Wir halten es aber für notwendig, die Abläufe klar zu benennen. Eine Entschuldigung darf nicht dazu führen, dass anschließend der Eindruck entsteht, es habe sich lediglich um kleinere Missverständnisse zwischen zwei Seiten gehandelt. Dafür waren die Vorwürfe zu schwerwiegend und die persönlichen Auswirkungen zu erheblich.
Wir sind froh, dass diese Hetzjagd nun ein Ende hat. Die Vorwürfe wurden widerlegt, die falschen Darstellungen wurden korrigiert und die Entschuldigung liegt vor. Damit soll dieses Kapitel beendet sein."
Was erwartest Du künftig von „Fußball auf Reisen“ und anderen Medienvertretern?
"Kritische Berichterstattung gehört zum Fußball und ist ausdrücklich erlaubt. Auch der Fußballkreis muss sich kritischen Fragen stellen.
Wir erwarten aber journalistische Sorgfalt: belastbare Recherche, eine klare Trennung zwischen Tatsachen und Bewertungen, angemessene Fristen und eine echte Gelegenheit zur Stellungnahme. Dazu gehört auch, offizielle Kommunikationswege zu nutzen und den direkten Dialog zu suchen, bevor einzelne Ehrenamtliche öffentlich schwer belastet werden.
Pressefreiheit ist ein hohes Gut. Sie beinhaltet aber nicht das Recht, bewusst falsche Tatsachen zu verbreiten oder Menschen auf Grundlage ungeprüfter Behauptungen öffentlich zu verurteilen."
Welche Botschaft möchtest Du abschließend an die Vereine, Schiedsrichter und Ehrenamtlichen im Fußballkreis richten?
"Niemand muss befürchten, dass berechtigte Kritik unterdrückt wird. Probleme dürfen und sollen angesprochen werden. Der Fußballkreis verfügt über klare Ansprechpartner und offizielle Wege, über die Hinweise, Beschwerden und Verbesserungsvorschläge eingebracht werden können.
Gleichzeitig werden wir unsere ehrenamtlich tätigen Sportkameradinnen und Sportkameraden schützen, wenn sie zu Unrecht angegriffen oder öffentlich diffamiert werden.
Die Angelegenheit ist aufgeklärt. Die Entschuldigung wurde ausgesprochen und von uns angenommen. Jetzt richten wir den Blick nach vorn. Unser gemeinsames Ziel bleibt, den Fußball im Kreis Oberhavel/Barnim weiterzuentwickeln und dabei respektvoll, fair und sachlich miteinander umzugehen."
Lieber Michael, vielen Dank für dieses Interview und die offenen Worte.
(P. Golle – Öffentlichkeitsarbeit /DFBnet)
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