Zu Besuch im Video-Assist-Center
Am 26.Mai fand das Relegationsrückspiel zwischen der SpVgg Greuter Fürth und Rot-Weiss Essen um den Aufstieg in die 2. Bundesliga statt. Henry Cieslarczyk durfte an diesem Tag die beiden Video-Assistenten Johann Pfeifer und Felix-Benjamin Schwermer im Kölner Video-Assist-Center (VAC) begleiten. Dabei gewann er während des gesamten Spiels Eindrücke davon, wie die Schiedsrichter auf Profiniveau kommunizieren und Entscheidungen treffen.
Welche Eindrücke haben dich im Video-Assist-Center am meisten überrascht oder beeindruckt?
Beeindruckend war der deutliche Unterschied zwischen der entspannten Atmosphäre vor beziehungsweise nach dem Spiel und der spürbaren Anspannung während des laufenden Spiels. Während vor Spielbeginn und nach Spielende eine ruhige und lockere Stimmung herrschte, konzentrierten sich während des Spiels alle Beteiligten ausschließlich auf ihre Aufgaben. Kommentare oder Gespräche, die nichts mit dem Spielgeschehen zu tun hatten, gab es nicht.
Wie sind die Abläufe bei den Video-Assistenten vor dem Spiel und während des Spiels?
Vor dem Spiel fand ein ausführliches Briefing statt, ähnlich wie bei den Schiedsrichtern auf dem Platz. Dabei wurden die Abläufe und Zuständigkeiten für das Spiel genau abgestimmt. Im Video-Assist-Center arbeiten insgesamt vier Personen direkt an den Entscheidungen. Der VAR hat dabei die leitende Rolle inne, er gibt Anweisungen auf der Grundlage der Regeln und Richtlinien. Der AVAR fungiert als sein Assistent und verfolgt beispielsweise das Live-Spielgeschehen weiter, wenn der VAR während des laufenden Spiels eine Szene überprüft. Außerdem behält er den Überblick über die Auswechslungen und notiert die Dauer von längeren Spielunterbrechungen. Zwei Operatoren unterstützen das Team technisch, indem sie die benötigten Kamerabilder und Perspektiven bereitstellen.
Wie läuft die Kommunikation zwischen den Beteiligten während des Spiels ab?
Während des Spiels wird nur das absolut Notwendige kommuniziert. Nach Toren und Strafraumszenen wird die jeweilige Spielsituation überprüft. Zu einem solchen Check gehören beispielsweise mögliche Fouls, Handspiele oder Abseitssituationen im Vorfeld eines Tores. Entsprechend hört man Meldungen wie „Check Foul“ oder „Check Hand“. Bei härteren Foulspielen und Gelben Karten wird überprüft, ob gegebenenfalls ein Feldverweis erfolgen muss.
Die drei Schiedsrichter auf dem Spielfeld hören sich gegenseitig permanent. Der vierte Offizielle sowie der VAR kommunizieren über ein Push-to-Talk-System mit den Unparteiischen. Die beiden Video-Assistenten können die gesamte Kommunikation des Schiedsrichterteams verfolgen. Zusätzlich gibt es festgelegte Codes, etwa „Deutz 1“ oder „Deutz 2“. Deutz ist der Kölner Stadtteil, in dem sich das VAC befindet. Dabei steht „Deutz 1“ für den VAR und „Deutz 2“ für den AVAR. Wenn einer der beiden mit dem Schiedsrichter spricht, meldet er sich zunächst mit der jeweiligen Bezeichnung bei ihm.
Welcher Aufwand steckt hinter einer einzelnen VAR-Entscheidung, verglichen mit dem Eindruck, den man als Zuschauer vor dem Fernseher erhält?
Der Besuch im Video-Assist-Center hat das häufige Vorurteil widerlegt, dass manche Situationen gar nicht überprüft werden. Tatsächlich wird jeder einzelne Spielzug genau kontrolliert. Dazu gehören Kopfballduelle, Ballbesitzwechsel und sämtliche Aktionen, die im Zusammenhang mit einer möglichen spielentscheidenden Situation stehen.
Vor allem nach Toren werden alle relevanten Bestandteile der vorangegangenen Angriffsphase aus mehreren Kameraperspektiven beurteilt: Balleroberung, mögliche Abseitsstellungen, potenzielle Hand- oder Foulspiele. Erst wenn die Überprüfung vollständig abgeschlossen ist, erfolgt die abschließende Meldung „Check complete! Tor korrekt“. Dabei gilt das Motto: „Richtig ist wichtiger als schnell.“ Die Video-Assistenten gehen zügig vor, nehmen sich aber auch bewusst die notwendige Zeit, um die korrekte Entscheidung zu treffen.
Ist man als Schiedsrichter oder als VAR angespannter?
Die Anspannung auf dem Spielfeld ist deutlich größer als im Video-Assist-Center. Der VAR verfügt über zahlreiche technische Hilfsmittel und erhält maximale Unterstützung durch die Operatoren. Zudem steht er nicht direkt im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit.
Der Schiedsrichter auf dem Platz trägt hingegen die unmittelbare Verantwortung für die Entscheidungen während des Spiels und steht dabei ständig im Fokus von Spielern, Trainern, Zuschauern und Medien. Dadurch ist die mentale Belastung auf dem Spielfeld deutlich höher.
Der Besuch im VAC bot für Henry spannende Einblicke in die Arbeit des VAR-Teams. Vielen Dank an die DFB Schiri GmbH für die Möglichkeit!
(Mattis Bähr - Schiedsrichter)
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